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Dokumentation "Industriekultur als urbaner Transformationsprozess"

Auf Zollverein, Gelsenkirchner Str. 181, 45309 Essen 27. Juni 2011

Auf Einladung des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung fand im Rahmen der Begleitung des Investitionsprogramms Nationale UNESCO-Welterbestätten am 27. Juni 2011 die Tagung "Industriekultur als urbaner Transformationsprozess“"auf Zollverein statt. Die Beschäftigung mit dem Thema Industriekultur und dem damit verbundenen baukulturellen Erbe ist immer auch eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Baustilen und -epochen sowie Anlagetypen (z.B. Kraftwerksbauten, Verkehrsbauten, Bauten für die Montanindustrie). Die Entwicklung von städtebaulich, denkmalpflegerisch und landschaftsplanerisch verträglichen Leit- und Nutzungskonzepten, die nachhaltig und wirtschaftlich tragfähig sind, ist deshalb zur interdisziplinären Aufgabe geworden.

Impressionen Industriekultur als urbaner Transformationsprozess (Foto: Ilka Drnovsek)Links: Blick über Zeche Zollverein // Rechts: Blick auf Zeche Zollverein Quelle: Ilka Drnovsek

Impressionen Industriekultur als urbaner Transformationsprozess (Foto: Ilka Drnovsek)Links: Dr. Axel Föhl, Prof. Dr. Walter Buschmann, Prof. Markus Otto (v.l.) // Rechts: Besichtigung der Anlage

Einführung: Industriekultur als Plattform der Kultur im 21. Jahrhundert

Prof. Dr. Meinhard Maria Grewenig, Generaldirektor UNESCO-Welterbe Völklinger Hütte

Die Völklinger Hütte hat sich zu einem Kunst- und Kulturstandort entwickelt. Die Identität des Ortes ist der Ausgangspunkt seiner baukulturellen Weiterentwicklung: Künstler erarbeiten aus der Geschichte des Ortes neue raumgestalterische Konzepte, Film- und Fotoindustrie entdecken das kulturelle Erbe als "magischen Ort" und gleichsam Kulisse großer Fernsehproduktionen.

Die "European Route of Industrial Heritage (ERIH)", die in 18 europäischen Ländern Industriedenkmale als Ankerpunkte vernetzt und durch eine internetgestützte Informationsplattform für die Öffentlichkeit zugänglich macht, zeugt von der Ausstrahlungskraft und Bedeutung der Industriekultur für die regionale Entwicklung. Der Route gehören in Deutschland neben der Zeche Zollverein und der Völklinger Hütte zahlreiche größere und kleine Industriedenkmale an.

Das industrielle Erbe als Baustein für die Profilierung von Städten und Regionen

Prof. Dr. Dorothee Haffner, Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin

Die Herausforderungen und Chancen der Transformation ehemals industriell genutzter Flächen zeigen sich in Berlin anschaulich am Beispiel von Oberschöneweide. Hier errichtete die AEG ab den 1890er Jahren einen der größten Fabrikstandorte der damaligen Zeit. Das Kabelwerk Oberspree KWO, die NAG Automobilproduktion, das Drehstromkraftwerk, die Transformatorenfabrik prägten den rasant wachsenden Stadtteil und seinen städtebaulichen Charakter grundlegend. Das traditionsreiche Industrieareal mit wechselvoller Geschichte im Südosten Berlins konnte durch die Ansiedelung der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin 2009 zu einem modernen Wissenschaftsstandort umgewandelt werden. Wo einst Transformatoren gebaut, Fernsehtechnik montiert und Starkstromkabel gefertigt wurden, entwickeln nun Studierende regenerative Energiesysteme, konzipieren Computerspiele und neue Hardwarekomponenten. Auf dem Campus Wilhelminenhof sind heute drei Fachbereiche der HTW mit rund 300 Professoren und Mitarbeiten sowie rund 600 Studenten untergebracht. Die Studenten ziehen nach Oberschöneweide, der Einzelhandel entwickelt sich langsam und die Identifikation der Studenten und des Lehrpersonals mit dem Campus wächst. Die Wilhelminenhofstraße ist Mittelpunkt weiterer industrieller baulicher Zeugnisse, die nun langsam als Kunst- und Wohnstandorte entwickelt werden.

Die Stärkung durch Umnutzung von industriellen Brachen

Prof. Markus Otto (Foto: Ilka Drnovsek)Prof. Markus Otto Quelle: Ilka Drnovsek

Prof. Markus Otto, Institut für Neue Industriekultur Cottbus (INIK)

Prof. Otto beleuchtete eine Reihe von Projekten, die in strukturschwachen Regionen verankert sind. Trotz eines starken demographischen Wandels und hohem Leerstand, besteht Entwicklungspotential, wenn langfristig strategisch geplant und vernetzt gehandelt wird. Dafür hat die INIK in einem EU-Forschungsprojekt ein Handbuch für Kommunen, Investoren und für Hochschulen erarbeitet, in dem 30 Projekte bewertet und daraus Handlungsstrategien abgeleitet wurden. Prof. Otto erläuterte die angewandte Vorgehensweise und beschrieb die notwendigen Prämissen am Beispiel des Finowkanals bei Eberswalde. Der Finowkanal ist der älteste sich noch im Betrieb befindliche und als künstlicher Wasserweg errichtete Kanal, erbaut 1605. Am Finowkanal liegen als Siedlungsschwerpunkte Eberswalde, Finow und Finowfurt sowie weitere Siedlungen mit industriellen Schwerpunkten. Die genannten Siedlungsschwerpunkte sollten mit einem Entwicklungsband wieder verknüpft werden. Dafür wurden sieben Fabriken auf ihr Entwicklungspotential hin untersucht und Nutzungspotentiale definiert: Wohnen am Wasser, Sport am Strand, Freizeitzentrum, Inselresort, Wellness, Sport und Jugendherberge, Kultur, Werkstätten, Ateliers und Museen am Wasser.

Werkstatt A: Erfolgreiche städtebauliche Planungsinstrumente zur Revitalisierung von Industriebrachen

Führung: Städtebauliche Weiterentwicklung und Leitbild Zeche Zollverein (Foto: Ilka Drnovsek)Führung: Städtebauliche Weiterentwicklung und Leitbild Zeche Zollverein Quelle: Ilka Drnovsek

Gestaltungsempfehlungen zur Integration von Industriedenkmalen in städtebauliche Zusammenhänge

Dr. Markus Harzenetter, Landesamt für Denkmalpflege des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe.

Eine erfolgreiche Integration brach fallender Industriegebiete kann nur gelingen, wenn es möglich ist, eine breite Öffentlichkeit für die Weiternutzung dieser Areale zu interessieren und eine bewusste städtebauliche Komponente einzubringen. Handlungsempfehlungen zur Umsetzung sind die frühzeitige Denkmalfeststellung und –beschreibung, die bürgerschaftliche Aneignung des Denkmals, die konzertierte Aktion aller Akteure und eine ganzheitliche Betrachtung des betroffenen Ortes/des betroffenen Ortsteils.

Industriekultur als städtebauliches Planungsinstrument am Beispiel des Industriemuseums Henrichshütte in Hattingen

Walter Ollenik, Stadt Hattingen

Links: Walter Ollenik // Rechts: Arbeiten im Workshop (Foto: Ilka Drnovsek)Links: Walter Ollenik // Rechts: Arbeiten im Workshop Quelle: Ilka Drnovsek

Die Henrichshütte wurde 1854 gegründet. Die Stadt selbst wurde durch die Monostruktur der Hütte dominiert. Nach ihrer Stilllegung 1989 wurden Teile der Henrichshütte unter Schutz gestellt. Ein Kerngebiet von rund 6-7 Hektar ist bis heute erhalten geblieben. Die Stadtentwicklung hat die Henrichshütte als Ausgangspunkt aller Planungen genommen und die denkmalpflegerischen Aspekte integriert. Durch die Einbindung aller Akteure und das bürgerschaftliche Engagement wurde die Henrichshütte als Industriemuseum zum bedeutenden Motor der Stadtentwicklung und Touristik.

Werkstatt B: Industriedenkmale als Bestandteil integrierter Stadtentwicklung

Führung: Kokerei (Foto: Ilka Drnovsek)Führung: Kokerei Quelle: Ilka Drnovsek

Transformationsprozesse umgenutzter Industrieareale von und für die Kultur- und Kreativwirtschaft

Heike Oevermann, Technische Universität Berlin

Die Transformation von Industriearealen ist ein Resultat der Interaktion unterschiedlicher Perspektiven (Stadtentwicklung, Denkmalschutz und Kreativwirtschaft) und ihrer gegenseitigen Wirkungen im Umgang mit dem historischen Erbe. Aus dieser Konstellation entstehen Konflikte, aber auch Chancen (Image versus Identität, die kreative Stadt als Entwicklungsleitbild und das Industrieerbe als Möglichkeitsraum) sowie Fragen (Wie lassen sich kreativwirtschaftliche Prozesse steuern? Welche Besucher kommen? Wofür braucht man in diesem Prozess das Industriedenkmal?).



Stärkung innerstädtischer Nebenlage am Beispiel der Versorgungsbauten "Elektropolis", Berlin

Dr. Hans Achim Grube, Architekt und Denkmalpfleger

Dr. Hans Achim Grube entwickelte für die Bewag/Vattenfall ein Denkmalmanagementkonzept zur Zwischennutzung, Vermietung und zum Verkauf der unternehmenseigenen Anlagen. Nach erfolgreicher Umsetzung des Elektropolis-Berlin-Konzeptes waren mindestens 150.000 qm Bruttogeschossfläche umgenutzt und noch einmal 30.000 qm Fläche vermietet. Insgesamt konnten 12 Abspannwerke und 4 Kraftwerke einer neuen Nutzung zugeführt werden. Durch intelligentes Denkmalmanagement wurden 280 Millionen Euro Verkaufserlöse innerhalb von 10 Jahren realisiert. Die Erfolgsfaktoren lauten: sorgsame Dokumentation der Gebäude, Publikation und Kommunikation der Informationen.

Aktionsplan für industrielle Flächendenkmäler

Kornelius Götz, Mitglied in The International Committee for the Conservation of the Industrial Heritage (TICCHI)

Links: Kornelius Götz // Rechts: Arbeiten im Workshop (Foto: Ilka Drnovsek)Links: Kornelius Götz // Rechts: Arbeiten im Workshop Quelle: Ilka Drnovsek

Industrieanlagen, die heute Denkmalstatus besitzen, wurden nicht für die Ewigkeit geplant und gebaut. Die daraus entstandenen Konservierungsaufgaben der Industriedenkmalpflege sind sehr komplex. Die DBU hat daher das Forschungsprojekt "Entwicklung eines modularen, systematischen Aktionsplans zum nachhaltigen Umgang mit Industriedenkmalen" beauftragt. Grundprinzipien dieses Aktionsplans sind: Bestimmung der Ziele, Planung der Maßnahmen, Ermittlung des Kostenrahmens und Entwicklung eines Finanzierungsmodells. Die Maßnahmen sollten in dieser Reihenfolge eingehalten werden. Nachnutzungsplanungen und die Beteiligung aller Akteure sind dabei unerlässlich.

Werkstatt C: Standortentwicklung durch Industriekultur

Führung: Denkmalpfad (Foto: Ilka Drnovsek)Führung: Denkmalpfad Quelle: Ilka Drnovsek

Dynamische Stadtentwicklung durch innovative Nutzungskonzepte am Beispiel eines Modelabels

Stefan Sihler, Geschäftsführer Labels

Innerhalb des Berliner MediaSpree Areals befindet sich im Osthafen eine denkmalgeschützte Lagerhalle, die 2006 / 2007 für das Nutzungskonzept Labels Berlin 1 eröffnet wurde. Als Modestadt benötigt Berlin ein ganzjährig bespieltes Modezentrum, in dem sich zeitgemäß die großen Marken (z. B. Hugo Boss, Brax, Ebe Jeans) präsentieren können. Sie nutzen diesen Ort als Umschlags- und Orderplatz. Die denkmalgeschützte Lagerhalle ist deshalb prädestiniert, um Modeunternehmen wie Hugo Boss oder auch Pepe Jeans einen außergewöhnlichen Standort zu bieten. Aufgrund des Erfolges folgte 2010 Labels 2 in einem Neubau in direkter Nachbarschaft. Den Wettbewerb gewannen die Schweizer Architekten HHF. Derzeit laufen die Planungen für Labels 3. Danach ist die bauliche Entwicklung für das Labels-Konzept an diesem Standort abgeschlossen.

Weltkulturerbe Erzbergwerk Rammelsberg Goslar über Industriekultur authentisch vermitteln – Die Wiederinbetriebnahme der Schrägförderanlage des Weltkulturerbes Rammelsberg

Dr. Johannes Großewinkelmann, WELTKULTURERBE RAMMELSBERG, Museum und Besucherbergwerk

Die einzigartige Schrägförderanlage des Erzbergwerkes Rammelsberg in Goslar soll 19 Jahre nach ihrer Stilllegung wieder für Besucher in Betrieb genommen werden. Sie bewegt sich in einem Spannungsfeld, das von der Erhaltung der authentischen Anlage (Denkmalschutz) über die Vorgaben technischer Vorschriften (TÜV) bis hin zur Attraktivitätssteigerung zur Rekrutierung neuer Besuchergruppen (Museum) reicht. Wie kann ein industriegeschichtlich einzigartiges Bauwerk vor dem Hintergrund dieser Interessenkonstellation authentisch erhalten und vermittelt werden?

Industrial Mindscapes Modell: Erfolgsfaktoren industrietouristischer Einrichtungen - Routen der Industriekultur

Prof. Dr. Antje Wolf, EBC Hochschule Hamburg

In den letzten zwei Jahrzehnten weist der industriekulturelle Markt eine erhebliche Dynamik auf. Traditionelle Industrieregionen wie das Ruhrgebiet positionieren sich als neue Tourismusdestinationen, indem sie ihr industriegeschichtliches Erbe durch denkmalpflegerische Aktivitäten erhalten und durch Marketingmaßnahmen für den touristischen Markt aufbereiten. Dies veranlasste Prof. Dr. Wolf das Industrial Mindscapes-Modell, ein Erfolgsfaktoren-Modell für industrietouristische Einrichtungen zu entwickeln. Es beruht auf einer empirischen Untersuchung, an der sich mehr als 40 Experten aus unterschiedlichen industrietouristischen Einrichtungen, Institutionen, Universitäten, Beratungsunternehmen und Vereinen beteiligten. Durch die Betrachtung von 20 Erfolgsfaktoren entstehen aus Kundensicht nicht nur Informationseinrichtungen über das industrielle Erbe, zur Unternehmensgeschichte oder über die Herstellungsverfahren von Produkten, sondern auch Industrial Mindscapes-Modelle, d.h. Traum- und Gegenwelten zum (Arbeits-)Alltag, in welche die Besucher temporär eintauchen können. Es zeigt sich, dass für den Erfolg einer industrietouristischen Einrichtung nicht ein einzelner, sondern mehrere Faktoren verantwortlich sind. Entscheidend ist der richtige Mix. Die Projektbeispiele belegen dies.

Die Diskussion kam zu den Ergebnis, dass Synergie durch nachbarschaftliche Nutzung entstehen und somit nachhaltig den Standort prägen können. Je höher die Attraktivität der Nutzung ist, desto unbedeutender wird der Standort. Unabhängig von Nutzung ist eine hohe Authentizität für die Denkmal- und Bildungsvermittlung wichtig. Bei Mittelknappheit sollten Zusatznutzungen/Zusatzeinnahmen generiert werden. Eine Möglichkeit besteht in der Ausübung identitätsstiftender Events, da sie eine sinnvolle Einnahmemöglichkeit darstellen und die Bevölkerung an die Nutzung binden.

Links: Diskussion // Rechts: Dr. Markus Harzennetter, Dr. Marta Doehler-Bezadi, Elke Frauns, Prof. Dr. Dorothee Haffner, Prof. Markus Otto (v.l.) (Foto: Ilka Drnovsek)Links: Diskussion // Rechts: Dr. Markus Harzennetter, Dr. Marta Doehler-Bezadi, Elke Frauns, Prof. Dr. Dorothee Haffner, Prof. Markus Otto (v.l.) Quelle: Ilka Drnovsek

Links: Tagungsraum // Mitte: Blick über Zollverein auf Essen // Rechts: Ausblick (Foto: Ilka Drnovsek)Links: Tagungsraum // Mitte: Blick über Zollverein auf Essen // Rechts: Ausblick Quelle: Ilka Drnovsek

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