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Dokumentation der Veranstaltung "Stadtarchäologie und Stadtentwicklung im Welterbe"

15. + 16. November 2012, Media Docks, Willy-Brandt-Allee 31a, 23554 Lübeck

Einführung LübeckLinks: Grabungsviertel in Lübeck // Rechts: Plan des Grabungsviertels in Lübeck Quelle: Hansestadt Lübeck

Begrüßung

Prof. Dr. Detlef Karg, Norbert Scharbach, Annette Borns, Enak Ferlemann

Einführungsvorträge

Sonia Landin, Prof. Dr. Stefan Winghart, Prof. Dr. Harald Meller, Prof. Dr. Rainer Maria Weiss

Steuerungsinstrumente für Stadtarchäologie und Stadtplanung

Prof. Dr. Stefan Winghart (Moderation), Gunnar Möller, Prof. Dr. Manfred Gläser, Prof. Dr. Claus Wolf, Steffen Wackwitz

Stadtarchäologie weitergebaut – Umgang mit archäologischen Überlieferungen aus städtischer Sicht

Prof. Dr. Detlef Karg (Moderation), Franz-Peter Boden, Dr. Karin Wagner, Dr. Bruno Maldoner, Dr. Joachim Müller, Podiumsgast: Prof. Dr. Peter Zlonicky

Stadtarchäologie in Szene gesetzt - Vermittlung urbaner Identität

Prof. Dr. Harald Meller (Moderation), Dr. Dölf Wild, Christine Schimpfermann, Nobert Huschner, Anton Pärn

Stadtarchäologie von und für den Bürger – Bürgerbeteiligung und Aneignung

Prof. Dr. Rainer Maria Weiss (Moderation), Christine Koretzky, Stefan Teuber, Monika Maria Krücken, Dr. Martin Müller

Abschlussvortrag und Ausblick

Dr. Kurt Denzer, Oda Scheibelhuber

Einführung

Archäologie ist ein wichtiges Thema in der integrierten Stadtentwicklung. Die aktuellen Grabungen in Berlin und Lübeck belegen dies eindrucksvoll. "Die Stadt unter der Stadt" stößt auf ein immer größer werdendes Interesse bei Bewohnern und Besuchern. Führungsangebote an Grabungsorten oder in Museen werden stetig ausgebaut und vielerorts mehrsprachig angeboten.

Einführung LübeckLinks: Franz-Peter Boden // Rechts: v. l.: Peter Zlonicky, Franz-Peter Boden, Joachim Müller, Karin Wagner, Bruno Maldoner, Detlef Karg

Bodenfunde werden ausgegraben, wissenschaftlich dokumentiert und publiziert. Anschließend wird das Grabungsfeld in den meisten Fällen für Neubebauungen freigegeben. Nur selten werden die Ausgrabungen in die Projektentwicklung integriert. Anders ist das bei überirdischen archäologischen Relikten, insbesondere aus dem Mittelalter. Sie werden zunehmend Bestandteil von Umbau- und Neubaumaßnahmen und als "Fenster in die Vergangenheit" inszeniert. Im öffentlichen Raum weisen neue Wegeführungen, archäologische Pfade, Pflasterungen und Informationstafeln auf das archäologische Erbe hin.

Der Weg dahin ist nach wie vor steinig: In der öffentlichen und vor allem Investorenwahrnehmung gelten Grabungen als schwer kalkulierbares Hemmnis. Die Integration der Funde in zukünftige Projekte gilt als wertmindernd. Das muss nicht sein: Auf der Basis der archäologischen Bestandserfassung können die Innenstädte planerisch und gestalterisch sinnvoll weiterentwickelt und Orts- und Stadtbilder erhalten werden.

Das archäologische Erbe ist das Skelett der Stadt. Grabungen fördern Einblicke in das Skelett – in die Vergangenheit der Stadt – und können damit Orientierung für die künftige Stadtentwicklung liefern. Die alte Stadt ist wie ein Organismus. Ausgrabungen bedeuten, Unsichtbares sichtbar zu machen, um aus den Funden zu lernen. Archäologische Funde bieten die Chance der Aufklärung und die Möglichkeit, Regeln für den Ort, die Zeit und die zukünftigen Nutzer abzuleiten und aus der Geschichte Stadt zu entwickeln.

Einführung Lübeckv. l. Dölf Wild, Anton Pärn, Nobert Huschner, Harald Meller

Eine integrierte Herangehensweise bedingt die frühzeitige Einbindung aller Akteure – der Stadtverwaltung, Stadtplaner, Planer, Denkmalpfleger und Archäologen - sowie der Politik und Bürger in die Prozesse der Stadtplanung und Stadtentwicklung und eine umfassende Kommunikation untereinander. Die Kommunikationskultur des Miteinanders trägt zur Findung einer gemeinsamen Sprache und gemeinsamer Denkmodelle zur Förderung des kulturellen Gedächtnisses der Stadt und zur Stärkung der Identität der Bürger mit der Stadt bei. Sie ermöglicht aber auch, die nötigen wirtschaftlichen und politischen Kompromisslagen herbeizuführen.

Planungsgrundlagen bilden dabei aus archäologischer Sicht die internetgestützten Stadtkataster, Baualterspläne und Topographien. Sie geben Hinweise auf archäologische Relikte und Anhaltspunkte für die Planung in Bezug auf Parzellenstrukturen und Siedlungsgefüge. Sie können nur dann in Einklang mit der Stadtplanung gebracht werden, wenn sie anschaulich vermittelt werden und allen Akteuren bekannt sind. Gemeinsam mit allen Prozessbeteiligten müssen Gesamtkonzepte für die archäologischen, stadtplanerischen, wirtschaftlichen und bürgerschaftlichen Belange entwickelt werden. In Zürich, Stralsund und Einbeck wurden gute Beispiele für integrierte Herangehensweisen realisiert.

Ausgrabungen sind immer auch ein Kompromiss aus Forschung, Erhaltung und Zerstörung. Archäologie ist die Methode des Findens, die anders als die Denkmalpflege den Umgang mit den Fundstücken zunächst offen lässt. So können ausgewählte Fundstücke entweder in Museen gebracht und als anschaulich aufbereitete Geschichte dargestellt werden, oder aber in situ belassen werden und als archäologische Fenster vor Ort Einblicke in die Geschichte geben. Archäologische Fenster müssen kontinuierlich gepflegt, die Texte aktualisiert und zur Inszenierung mit Technik ausgestattet werden. Ansonsten erwecken sie in kürzester Zeit einen ruinösen Eindruck. Insgesamt dienen sie als Bildungsangebote für Bewohner und Besucher und stehen für Kontinuität im Wandel in einem städtebaulich neugeordneten Umfeld.

Einführung LübeckLinks: v. l. Steffen Wackwitz, Gunnar Möller, Manfred Gläser, Claus Wolf, Stefan Winghart // Rechts: Informationsmaterial aus dem Investitionsprogramm stößt auf reges Interesse

Die Tagung hat abschließend einmal mehr gezeigt, dass Stadtentwicklung im Kontext von Stadtarchäologie und Stadtplanung als Motor begriffen werden muss, um auf Grundlage der Vergangenheit, Potenziale für die zukunftsfähige Entwicklung einer Stadt oder Region zu entwickeln.

Donnerstag, 15. November 2012

Gesamtmoderation: Prof. Dr. Detlef Karg, Landeskonservator a.D.

Begrüßung

Norbert Scharbach, Ministerialdirigent im Innenministerium des Landes Schleswig-Holstein, Bauabteilung
Annette Borns, Senatorin/Fachbereichsleitung des Fachbereichs Kultur und Bildung und erste stellvertretende Bürgermeisterin in der Hansestadt Lübeck
Enak Ferlemann, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung

Das Welterbe aus europäischer Sicht am Beispiel von Visby

Sonia Landin, Welterbebeauftragte von Visby, Schweden

Visby ist seit mehr als 1000 Jahren kontinuierlich bewohnt. Die Blütezeit von Visby und Gotland begann um 1100 und dauerte bis zum Beginn des 14. Jahrhunderts. Die Insel war sehr reich und ein Zentrum des internationalen Handels und der Kultur. Während dieser Zeit wurde die Stadtmauer mit einer Länge von 3,5 km gebaut. Es befanden sich 17 Kirchen innerhalb oder unmittelbar außerhalb des Stadtkerns. Eine ganze Reihe großer Speicherhäuser mit hohen Treppengiebeln zeugte vom Reichtum der Stadt. Allen, die sich vom Meer aus der Insel näherten, muss sich eine unvergleichliche Silhouette geboten haben. Bis jetzt wurden Überreste von mehr als 200 mittelalterlichen Bauten in der Stadt gefunden. Hinzu kommen 95 mittelalterliche Kirchen und Kapellen auf der Insel, von denen 92 immer noch gut erhalten sind und genutzt werden. Einige der 17 Kirchen im Stadtkern waren als Zufluchtsort für die internationalen Händler aus anderen Ländern gebaut worden, die im Mittelalter in Visby ansässig waren. So existiert St. Clemens als dänische Kirche und St. Maria als deutsche Kirche. St. Maria ist die einzige der 17 Kirchen, die immer noch von ihrer einstigen Pracht Zeugnis gibt. Sie dient heute als Kathedrale.

In Visby stehen zusätzlich zwei russische Kirchen. Die Reste der Kirche befinden sich unter bestehenden Gebäuden und werden derzeit für die Öffentlichkeit freigelegt, ein Museum und ein Restaurant integriert.

In unmittelbarer Nähe der Kirche befindet sich der große Stadtplatz, der Stora torget. Dieser Platz kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Nach einem Wettbewerb wurde er städtebaulich zu einem Platz für Bewohner und Besucher geordnet.

Die archäologischen Funde sind es immer wert, geschützt und den Menschen gezeigt zu werden, denn sie erzählen ihre Geschichte. Es besteht ein großes Interesse daran. Je mehr Menschen über die Geschichte Visbys Bescheid wissen, umso besser kann das Erbe für künftige Generationen bewahrt werden.

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Einführungsvorträge

Der Untergrund der alten Stadt – Ein Stadtarchiv der anderen Art. Steuerungselemente für Stadtarchäologie und Stadtplanung

Prof. Dr. Stefan Winghart, Präsident des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege

Stadtarchäologie stellt innerhalb der bodendenkmalpflegerischen Praxis immer einen besonderen Fall dar, handelt es sich doch um eine "Operation am offenen Herzen", die in ältere Schichten eines nach wie vor lebenden Organismus eingreift. Diese Schichten sind für das Verständnis der Gestalt und der historischen Aussage einer Stadt von entscheidender Bedeutung. Dies gilt insbesondere im Welterbe.

Mehr noch als bei gefallenen vor- und frühgeschichtlichen Siedlungen sind die Fragen für die Diskussion nach dem "Warum" und dem "Wo" von besonderem Interesse: Die historische Fragestellung bestimmt Art und Umfang des Eingriffes und die Möglichkeit, Erhaltungsbedingungen mit Hilfe eines Stadtkatasters punktgenau zu umschreiben und eröffnet die Möglichkeit eines zielgenauen und minimalinvasiven Eingriffs.

Dazu sind verschiedene Informationen notwendig, die der Entscheidung, ob eine Grabung zulässig und sinnvoll ist, wie sie zu planen und wie sie ggf. durchzuführen ist, zugrunde zu legen sind.

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Stadtarchäologie in Szene gesetzt: Vermittlung urbaner Identität

Prof. Dr. Harald Meller, Landesarchäologe und Direktor des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt und des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle

Gerade die Stadtarchäologie, die sich in den urbanen Lebensräumen vieler Menschen abspielt, unterliegt einem starken Interesse durch die ansässige Bevölkerung. Dies liegt zum einen an der besseren Wahrnehmbarkeit der Ausgrabungen im städtischen Bereich im Vergleich zu Ausgrabungen "auf dem freien Feld", zum anderen aber auch am Identifizierungspotenzial, das die Stadt für ihre Bewohner besitzt. Die große Anteilnahme der Bürgerschaft an Ausgrabungen im Stadtkernbereich spiegelt die generelle Situation der Archäologie in der öffentlichen Wahrnehmung wider und stellt eine besondere Herausforderung für diese dar. In dem Vortrag sollen Möglichkeiten und Grenzen der Vermittlung urbaner Identität an Beispielen aus Sachsen-Anhalt aufgezeigt werden, so u. a. anhand der Magdeburger Domgrabung mit der Entdeckung des Editha-Grabes, der halleschen Marktgrabung sowie der Ausstellung "Fundsache Luther". Neben ausgrabungsbegleitenden Informationen soll auch das Potenzial und die Wirkung von Presseterminen, Ausstellungen sowie Tagen der offenen Tür zur Illustrierung von Stadtarchäologie und Stadtgeschichte thematisiert werden.

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Stadtarchäologie von und für den Bürger - Bürgerbeteiligung und Aneignung

Prof. Dr. Rainer-Maria Weiss, Direktor des Archäologischen Museums (Helms-Museum) und Landesarchäologe der Hansestadt Hamburg

Stadtarchäologie und Bürgerbeteiligung – beides unterlag in jüngster Vergangenheit einem grundlegenden Wandel. Während Bürgerbeteiligung noch vor einem Jahrzehnt so gut wie nicht stattfand, kam die Stadtarchäologie weitgehend ohne sie aus und wurde zudem überwiegend hinter blickdichten Bauzäunen nach rein wissenschaftlichen Gesichtspunkten betrieben.

Zweifellos sähen viele Innenstädte heute deutlich anders aus, wenn Stadtplaner und –väter nicht nur Verkehrs- und Bauexperten zu Rate gezogen, sondern auch die Bürger in ihre Quartiersplanungen einbezogen hätten. Bisweilen haben die Bürger ihre Beteiligung erstritten, oftmals blieb aber selbst Protest vergebens. Am Beispiel Hamburg sind sämtliche Varianten der Beteiligung und Nichtbeteiligung gut aufzuzeigen.

Bürger-Protest führt im Idealfall zu politischem Reagieren, bisweilen gepaart mit Einsicht. Der großflächige Abriss historischer und damit identitätsstiftender Bausubstanz sowie das Hochziehen oftmals steriler und gleichförmiger Investoren-Architektur können zu einer Entfremdung zwischen der Stadt und ihren Bewohnern führen. Bürgerbeteiligung – aufrichtig und nicht pseudo-demokratisch durchgeführt – ermöglicht echte politische Teilhabe als konstruktives Gegenmodell zur sonst drohenden Protestkultur.

Wenn das Instrument der Bürgerbeteiligung seitens der Politik aufrichtig und ergebnisoffen angeboten und von beiden Seiten konstruktiv genutzt wird, kann dies nur zum Vorteil des Gemeinwesens gereichen. Denkmalschutz, Rückbesinnung auf historische Identitäten, Erhaltung prägender Sichtachsen, bisweilen auch die Wiedergewinnung verlorener Ensembles sind tief verwurzelte Wünsche und Ansprüche der Bürger, die sich mit ihrer Stadt, ihrem Viertel oder auch nur ihrer Straße identifizieren wollen. Dieses Engagement gilt es durch umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit und niedrigschwellige Möglichkeit zur Partizipation zu mobilisieren.

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Steuerungsinstrumente für Stadtarchäologie und Stadtplanung

Integrierte Stadtplanung mit Stadtarchäologie

Gunnar Möller, Stadtarchäologe Hansestadt Stralsund

Seit Juni 1991 ist der Referent am damaligen Amt für Denkmalpflege der Hansestadt Stralsund als Bodendenkmalpfleger/Stadtarchäologe tätig.

In dieser Zeit wurden auch erste enge Kontakte zur Stadtplanung und zum Sanierungsträger der Stadt hergestellt, denen neben einer erarbeiteten und übergebenen archäologischen Negativkartierung der Altstadt auch im Rahmen von stadtinternen Beratungen sowie Informationsveranstaltungen die Belange der archäologischen Denkmalpflege erläutert wurden.

Seit 1991 gibt es innerhalb der Altstadt keine Baumaßnahme mit entsprechenden Erdeingriffen ohne archäologische Bergungs- und Dokumentationsmaßnahme.

Eine integrierte Stadtentwicklung umfasst neben einer Vielzahl an anderen Aufgabenfeldern auch die Berücksichtigung von Belangen des Denkmalschutzes, speziell im 1991 beschlossenen städtebaulichen Rahmenplan. In ihm wird auch auf die Bedeutung des archäologischen Untergrunds verwiesen. In Fragen der Sanierung, der Bebauung von Baulücken und des Verkehrs in der Altstadt spielen auch bodendenkmalpflegerische Belange und Schutzgedanken eine große Rolle.

Etliche Planungen, die zunächst von großflächiger Unterkellerung bzw. von Bodenaustausch ausgingen wurden deshalb umgeplant, so dass auf derartige Tiefeingriffe verzichtet oder diese doch reduziert wurden.

Die Bewerbung und Nominierung der Altstadt Stralsunds gemeinsam mit Wismar zum Welterbe der UNESCO basiert auf einer Reihe von Einzelkriterien. Neben der Beispielhaftigkeit für Architektur und Einzeldenkmale sind es außerdem Stadtgrundriss und Parzellierung sowie ausdrücklich auch die herausragende Bedeutung des Bodendenkmals Altstadt. Für den weiteren Schutz und dem Umgang mit dem Welterbe ist ein Managementplan erarbeitet worden, der in jährlichen Monitoringberichten der ICOMOS/UNESCO Auskunft gibt. Für eine Wiederbebauung von Quartieren wurden vor Jahren schon eine archäologische Prospektion und Beurteilung der historischen Brandmauern vorgenommen. Konsens mit der Stadtplanung ist deshalb hier eine kleinteilige, parzellenaufgreifende Neubebauung unter Schonung der archäologisch besonderen, sensiblen einstigen Hofbereiche und Verzicht auf unterirdische Parkmöglichkeiten. In sehr hohem Maße werden auch die Ergebnisse von Teilkatastern des erarbeiteten bzw. noch in Arbeit befindlichen Denkmalplans, der die nötige Informationen für das Denkmalkonzept zur Erhaltung und Weitergestaltung des Stadtdenkmals liefert, auch für die Bewertung von Erdeingriffen hinzugezogen.

Die frühzeitige Beteiligung der Bodendenkmalpflege in den beginnenden Planungsprozess ermöglicht auch die Integration von freizulegenden bzw. freigelegten archäologischen Strukturen. Der unverminderte Investitionsdruck betrifft seit einiger Zeit zunehmend bisherige Brachflächen. Dabei sind naturgemäß im stärkeren Maße die städtebauliche Denkmalpflege und Bodendenkmalpflege/Archäologie als die Baudenkmalpflege gefragt.

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Archäologische Praxis und Stadtplanung

Prof. Dr. Manfred Gläser, Leiter des Bereichs Archäologie und Denkmalpflege der Hansestadt Lübeck

Im Mittelpunkt des Vortrages steht die augenblicklich laufende Ausgrabung im Gründungsviertel. Darüber hinaus wird ein Überblick über die Befunde aus den letzten Jahrzehnten gegeben, bei denen eine Integration in die Neubebauung gelungen ist.

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Der "Archäologische Stadtkataster". Ein Projekt der Landesarchäologie Baden-Württemberg

Prof. Dr. Claus Wolf, Präsident des Landesamts für Denkmalpflege Baden-Württemberg

Das Ziel des "Archäologischen Katasters" ist es, die für die Archäologie relevanten Zonen innerhalb eines mittelalterlich-frühneuzeitlichen Stadtgebietes nach dem aktuellen Forschungsstand qualifiziert zu beschreiben. Um ein möglichst umfassendes Bild von der Lage und der historischen Bedeutung der im Boden überlieferten Geschichtsdenkmäler in den mittelalterlichen Stadtquartieren zu gewinnen, werden archäologische Funde und Befunde, historische Schrift- und Bildquellen, Karten, Pläne und aktuelle kommunale Bauakten sowie die einschlägige Literatur untersucht und in beschreibendem Text und thematischen Plänen ausgewertet.

Als Ergebnis erhalten sowohl die Stadtplanung und die Unteren Denkmalschutzbehörden wie auch die Archäologische Denkmalpflege selbst, aber auch Planungsbüros, Architekten und Historiker in Text und thematischen Karten einen qualifizierten Überblick zum aktuellen Wissensstand innerhalb der jeweiligen Stadt. Bis heute konnte etwa für 45 Städte in Baden-Württemberg ein solcher Stadtkataster erarbeitet werden. "Archäologische Stadtkataster" dienen gleichzeitig dazu, notwendige städtebauliche Veränderungen nicht zu blockieren und den Planern und Ausführenden der Stadterneuerung sowie den Verantwortlichen für den Denkmalschutz eine qualifizierte Handreichung zu geben, um vorausschauend die Zielsetzungen der Stadtentwicklung und der Archäologischen Denkmalpflege im Interesse einer angemessenen Würdigung des historischen Zeugnisses aufeinander abzustimmen und zu einvernehmlichen Lösungen zu gelangen.

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Planungsinstrumente und Praxis

Steffen Wackwitz, Baudezernent Meißen

Die Archäologie spielt im täglichen Leben und im Gebrauch keine wirklich wichtige Rolle. Und doch schauen wir, bewusst oder mehrheitlich unbewusst, auf diese Altertümer zurück. Ja, wir leben sogar mit diesen Altertümern sehr eng beisammen, denn wir laufen und bewegen uns auf alten Steinen, gehen an Häusern aus der Zeit des ausgehenden Mittelalters vorbei oder sehen in Baugruben auf die Hinterlassenschaften unserer Vorfahren. Diese Spuren haben sich tief eingegraben in unser historisches Gedächtnis. Doch kaum ein Stein, der nicht schon entdeckt ist, kaum eine Scherbe, die nicht schon untersucht, bezeichnet und im Archiv verschwunden ist. Dennoch ist es wichtig und für die Entwicklung der Stadt notwendig, im Einzelfall jeder Spur nachzugehen. Dafür sind die Werkzeuge eines Flächennutzungsplans, eines Rahmenplans oder eines Bebauungsplans wie geschaffen. Allerdings hält sich die Freude beim Entdecken alter Spuren oftmals in Grenzen – verzögert sich doch ein Bauvorhaben und die Kosten für die archäologischen Untersuchungen steigen und sind unvorhergesehen. Stadtarchäologie und Stadtplanung – das eine bedingt das andere, aber zu ungleichen Verhältnissen.

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Stadtarchäologie weitergebaut– Umgang mit archäologischen Überlieferungen aus städtischer Sicht

Die Stadt unter der Stadt als Ausgangspunkt für Stadtentwicklung? Aktuelles zum Gründungsviertel in Lübeck

Franz-Peter Boden, Bausenator Hansestadt Lübeck

Das Gründungsviertel liegt zwischen der Marienkirche im Osten und der Stadttrave im Westen und ist Bestandteil des Grabungsschutzgebietes "Innere Stadt". Die Verlagerung der Berufsschulen bietet nun die Möglichkeit, das Gründungsviertel der Hansestadt im Sinne einer kritischen Rekonstruktion neu zu ordnen und im Hinblick auf ein zukunftsweisendes Wohnen in der Altstadt zu entwickeln.

Die historischen Straßenfluchten werden wieder aufgegriffen. Die Parzellen sollen als Einzelgrundstücke veräußert und individuell bebaut werden. Eine geschlossene Straßenrandbebauung und eine zeitgemäße Architektur mit moderner Formensprache gewährleisten dem historischen Vorbild entsprechend ein abwechslungsreiches Stadtbild.

Die Konkretisierung der Ziele soll durch entsprechende Planungen auf der Grundlage von Wettbewerbsverfahren, Workshops oder Planungswerkstätten für Bauherrn, Architekten und Stadtplaner umgesetzt werden.

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Stadtplanerisches Umdenken durch "unerwartete Funde" in Berlin?

Dr. Karin Wagner, Leiterin der Gartendenkmalpflege und Archäologie im Landesdenkmalamt Berlin Stellvertretende Landesarchäologin und Stellvertretende Landeskonservatorin

Die auf dem Gelände des Petriplatzes in Berlin-Mitte von 2007-2009 durchgeführte Grabung änderte entscheidend den Umgang mit archäologisch ergrabenen Baubefunden in Berlin. Im Ergebnis der Grabung, die den Bereich der mittelalterlichen Keimzelle Cöllns berührte, bleiben im gesamten Platzareal umfangreiche bauliche Strukturen im Untergrund erhalten und werden in die Neubebauungen integriert. Die Überreste der mittelalterlichen Lateinschule werden in den Neubau eines Archäologischen Besucherzentrums aufgenommen, das den Ausgangspunkt für einen Archäologischen Pfad durch die historische Mitte Berlins darstellt. Der Pfad führt an archäologisch ergrabene Orte heran und erläutert sie anhand der bei den Grabungen gewonnenen Erkenntnisse bzw. geborgener Funde. Im Bereich des künftigen Humboldt-Forums, ehemaliges Stadtschloss Berlin, werden Teile der Kelleranlagen des Schlosses erhalten und begehbar hergerichtet. Sie bilden ein Archäologisches Fenster, das einen ausschnitthaften Einblick in die Geschichte des Ortes ermöglicht. Im Bereich des künftigen U-Bahnhofes Berliner Rathaus der U-Bahnlinie U 5 wird ein weiteres Archäologisches Fenster ausgebildet. Hinter einer wandgroßen Glasscheibe werden die archäologisch ergrabenen Überreste des mittelalterlichen Rathauses einsehbar sein, dass in seinem vollständigen Grundriss vor dem Roten Rathaus dank einer Magistratsentscheidung von 1865 im Untergrund erhalten blieb. Somit entsteht in Berlin eine Reihe im Untergrund erhaltener und begehbarer Orte, die die mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte Berlins erlebbar werden lassen. Es werden damit Zeitschichten zurückgewonnen, die in Folge von Kriegen und Nachkriegszeit kaum noch im Stadtbild wahrgenommen werden können.

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Archäologie als Herausforderung für aktuelle Planungen in Österreich

Dr. Bruno Maldoner, UNESCO-Welterbebeauftragter Österreichs

Archäologie erbringt unverzichtbare Leistungen für die Gesellschaft, denn sie erschließt Werte für den einzelnen und die Gesellschaft, wie dies keine andere Disziplin schafft.

Viele aktuelle Planungen berücksichtigen kaum, oft nur widerwillig und in den wenigsten Fällen gerne, die Bedingungen, welche die gebotene Erhaltung von materiellen Zeugen der Vergangenheit von uns fordert. Diese Feststellung betrifft sowohl archäologische Denkmale wie auch Baudenkmale.

Es ist zu beobachten, dass Planer in einer anderen Welt leben als Archäologen und in vielen Fällen sich mit diesen nicht verstehen. Der wertschätzenden Kommunikation zwischen den einzelnen Disziplinen kommt daher eine entscheidende Rolle zu. Weiter bedeutet dies, dass auch möglichst viele öffentliche Stellen unterschiedlicher Ebenen rechtzeitig in geeigneter Weise einzubinden sind.

Planung geht auf unterschiedlichen Ebenen vor sich und reicht von der Raumordnung, Landesplanung, Stadtplanung, Infrastrukturplanung bis hin zur Bauplanung für einzelne Gebäude. Die Klärung der dabei auftretenden Fragen für die Diskussion sollte grundsätzlich interdisziplinär erfolgen, wobei die verfügbaren Informationen berücksichtigt bzw. noch zu beschaffende möglichst frühzeitig im Prozess definiert werden sollten.

Grundsätzlich sollte Übereinstimmung darin bestehen, dass der archäologische Bestand berücksichtigt wird und daher bekannte Stätten möglichst ungestört erhalten bleiben sollten.

Die mit Beispielen illustrierte Betrachtung beschränkt sich nicht auf den Prozess der Projektentwicklung, sondern bezieht auch Überlegungen zu Förderungsstrategien der öffentlichen Hand mit ein. Die von Rücksicht geprägte Behandlung von UNESCO-Welterbestätten kann für die Etablierung von Bedeutung als Schrittmacher dienen.

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Archäologie in Brandenburg an der Havel

Dr. Joachim Müller, Archäologe, Brandenburg an der Havel

Der zu großen Teilen erhaltene historische Stadtkern Brandenburg an der Havel ist ein städtebauliches Denkmal von europäischem Rang und das flächenmäßig größte Bodendenkmal des gleichnamigen Bundeslandes. Der während der DDR-Zeit stark verfallene Stadtkern wurde seit 1990 zu inzwischen etwa zwei Dritteln saniert.

Dieser intensive Prozess wurde archäologisch fast zu 100% dokumentiert. Neben knapp 1000 archäologischen Untersuchungen liegen umfangreiche Bauuntersuchungen vor.

Der archäologische Betrieb ist mittlerweile gut in die städtische Verwaltung und die Bauabläufe integriert. Größere Untersuchungen werden nach dem Verursacherprinzip von Grabungsfirmen erledigt, viele kleine Maßnahmen betreut die Stadt als Untere Denkmalschutzbehörde selbst. Als wesentliche Faktoren für eine Akzeptanz haben sich intensive Öffentlichkeitsarbeit, Bauherrenberatung und (möglichst) kurze bürokratische Wege erwiesen.

Grundlage der Stadtplanung ist die behutsame Fortentwicklung der kleinteilig erhaltenen Stadtstruktur. Deshalb sind grundstücksübergreifende Grabungen eher die Ausnahme, archäologische Befunde fließen nur sporadisch in die Stadtplanung ein.

Eine wesentliche Zukunftsaufgabe liegt in der digitalen Erfassung des äußerst umfangreichen Materials. Erst die Formulierung griffiger übergreifender archäologischer Ergebnisse auf verschiedenen Kommunikationsebenen lässt neue Erkenntnisse – oft nach langer Inkubationszeit - identitätsstiftend ins allgemeine Bewusstsein dringen.

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Freitag, 16. November 2012

Stadtarchäologie in Szene gesetzt: Vermittlung urbaner Identität

Aus der Geschichte heraus Stadt entwickeln, Das Konzept des archäologischen Fensters in Zürich

Dr. Dölf Wild, Stadtarchäologe, Amt für Städtebau, Zürich

Die Stadt Zürich erlebt in den letzten Jahren ein dynamisches Wachstum. Die Stadtregierung will den damit verbunden baulichen Wandel mit einer offensiven Informationspolitik begleiten. Diese umfasst nicht nur die Entwicklungsgebiete, sondern bezieht auch jene Stadtquartiere mit ein, bei denen Identität und Kontinuität im Zentrum stehen, allen voran die relativ gut erhaltene Altstadt.

In dieser Altstadt wurden seit längerem geeignete archäologische Relikte konserviert und zugänglich gemacht, wofür sich der Name "archäologisches Fenster" eingebürgert hat. Die Beispiele reichen von Überresten römischer Bäder, über den in der Reformation zugeschütteten Hinrichtungsort der Zürcher Stadtheiligen, bis zu Wandmalereien mittelalterlicher Juden.

Anfangs mit geringer Aufmerksamkeit eingerichtet und betrieben, hat sich ihr Stellenwert in den letzten Jahren beträchtlich gesteigert. Sie zeigen, wie sich hinter den vertrauten Fassaden überraschende und unbekannte Dimensionen verbergen. Es wird physisch erfahrbar, dass die heutige Stadt das Resultat von langen Entwicklungen ist. Sie zeigen aber auch, dass Veränderungen schon immer dazu gehört haben.

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Archäologie erlebbar machen – am Beispiel der INUW-Projekte in Regensburg

Christine Schimpfermann, Planungs- und Baureferentin der Stadt Regensburg

"Archäologie erlebbar machen" – diesen Ansatz verfolgt die Stadt Regensburg nicht erst seit dem Erhalt des Welterbetitels 2006. Schon vorher erkannte man das hohe Identifikationspotenzial einer vor Ort erlebbaren Geschichte am Beispiel konkreter baulicher Spuren. Die Altstadt von Regensburg ist durch ihre außergewöhnliche Unversehrtheit als ein derartiger "Lern- und Erfahrungsort" geradezu prädestiniert. Bereits 1995 war es den Regensburgerinnen und Regensburgern möglich, im "document Neupfarrplatz" einen intensiven Eindruck vom zerstörten Jüdischen Viertel aus dem 16. Jahrhundert zu erhalten. Diese besondere archäologische Erlebnisstätte holte die jüdische Kultur und die jüdische Geschichte in Regensburg zurück in die Stadt und zurück in das kollektive Bewusstsein.

Auch bei den Themen "Römisches Welterbe" und dem "document niedermünster" soll das Interesse ganz natürlich durch eine Sichtbarmachung der Archäologie geweckt werden. Während das Projekt "document niedermünster", mit rund 600 Quadratmetern die größte archäologische Ausgrabungsstätte in einem sakralen Bauwerk in Bayern, bereits erfolgreich abgeschlossen ist und sich größter Beliebtheit erfreut, dauert die Sanierung des sogenannten "Römischen Welterbes" noch an. Sie umfasst drei Abschnitte der römischen Legionslagermauer an der Nordostecke am St.-Georgen-Platz, an der Südostecke am Ernst-Reuter-Platz und am langen Mauerstück unter dem Parkhaus am Dachauplatz. Bei beiden Projekten stand und steht die Vermittlung des außerordentlich hohen Denkmalwertes im Mittelpunkt.

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Die "Alte Schule" als Teil des neuen Leitbildes

Norbert Huschner, Welterbekoordinator Hansestadt Wismar

Während sich die Einwohnerzahlen in der Hansestadt Wismar sowohl in der Gesamtstadt, als auch in der Altstadt in den 90er Jahren stark verringerten, kann für den Zeitraum nach 2000 festgestellt werden, dass die Zahl der Einwohner in der Gesamtstadt nur noch leicht zurück geht und die der Altstadt um 20% zugenommen hat.

Voraussetzungen für die Sanierung der Altstadt waren Rahmenplan sowie Satzungen und Verordnungen, welche als "Leitplanken" die notwendigen Investitionen begleiteten.

Trotz der erreichten Sanierungserfolge konnten kostenintensive Schlüsselmaßnahmen erst mit den Mitteln des Investitionsprogramms nationale UNESCO-Welterbestätten in Angriff genommen werden.

Archäologische Untersuchungen erfolgen in Mecklenburg-Vorpommern nach dem Verursacherprinzip mit finanzieller Alleinverantwortung des Investors und fachlicher Vertragsbeziehung mit dem Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege.

Das Gebäudeensemble am Marienkirchhof in Wismar hatte im 2. Weltkrieg und durch Abrisse bis 1960 große Substanzverluste zu beklagen.

Nunmehr wurden Fundamente und aufsteigendes Mauerwerk des ehemaligen Langhauses von St. Marien und das Kellermauerwerk der ehemaligen Alten Schule archäologisch ergraben und untersucht.

Weitere archäologische Untersuchungen in den Bereichen St. Marien, Banzkowsche Sühnekapelle, Kapelle Maria zur Weiden, Superintendentur und Pfarrei St. Marien stehen noch aus.

Die Empfehlungen des Sachverständigenbeirates für das UNESCO-Welterbe Altstadt Wismar sowie die Ergebnisse des laufenden Beteiligungs- und Mitwirkungsverfahrens sollen zu einem Leitbild für die Entwicklung am Marienkirchhof führen.

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Stadtarchäologie weiterentwickeln in Tallinn

Anton Pärn, Ministerium für Kultur Estlands, Tallinn

War die Stadtarchäologie in der Nachkriegszeit nicht viel mehr als ein politisches Instrument, so gehört sie heute in der nördlichsten aller Hansestädte zum integralen Bestandteil der Stadtentwicklung.

Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre wurde zunächst nur der Schutz der mittelalterlichen Architektur Tallinns beschlossen. Als aktive Stadtforscher traten Architekten und Bauhistoriker auf, die entsprechend ihrer Möglichkeiten bei der Forschung der älteren materiellen Kultur der Stadt Forschungsmethoden der Archäologie anwandten.

Die Stadtarchäologie als selbstständige Disziplin entstand erst sehr viel später. In den 1970er wuchs das Bewusstsein für Stadtarchäologie, als die Notwendigkeit einer umfassenden Erforschung der mittelalterlichen Funde erkannt wurde. Daraufhin wurden durch Ausgrabungen beinahe alle Arten der Antiquitäten gefunden. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Archäologie als Fachdisziplin gefestigt: Zahlreiche Ausgrabungen folgten, eine Sammlung der archäologischen Funde wurde aufgebaut und Forschungsorganisationen gegründet.

Anfang des 21. Jahrhunderts trat neben die bisherige Forschungsarbeit das Bewusstsein, die historische Substanz zu erhalten, sie mit dem städtischen Raum zu verbinden und auszustellen. Im Vordergrund standen zunächst die großen Objekte der Infrastruktur.

Im Vortrag wurde ein Querschnitt der wichtigsten bereits durchgeführten und geplanten Großprojekte (z.B. der Durchbruch des Siechenhauses Jaani, die Umgestaltung der Umgebung des Freiheitsplatzes, der Bau der Estnischen Kunstakademie, das neue Rathaus von Tallinn) präsentiert, deren Anteil an der Entwicklung der Stadtarchäologie von wesentlicher Bedeutung gewesen ist.

Heute gehört die Stadtarchäologie zum Alltag der Stadt Tallinn, die Ausgrabungsarbeiten sind untrennbarer Bestandteil von Entwicklungsprojekten. Doch die Bereitstellung der Forschungsergebnisse für die breite Öffentlichkeit steht noch aus. Die Archäologie bremst die Entwicklung nicht, sie sieht ihre Aufgabe vielmehr darin, den geschichtlichen Stadtraum vorzustellen und die aufeinander lagernden Schichten offenzulegen. Der Archäologie obliegt die Verpflichtung, das Gesammelte der Gesellschaft in Form von Wissen zurückzugeben. Wie man es der Öffentlichkeit ermöglicht, sich an diesem Prozess zu beteiligen, ist eine Frage, die noch einer Antwort bedarf. Im Jahr 2019 begeht Tallinn den 800. Jahrestag seiner urkundlichen Ersterwähnungen. Bis zu diesem Zeitpunkt muss auch dies geklärt worden sein.

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Stadtarchäologie von und für den Bürger – Bürgerbeteiligung und Aneignung

Bürgerbeteiligungsprozesse am Beispiel des Lübecker Gründungsviertels

Christine Koretzky, Welterbekoordinatorin Hansestadt Lübeck

Das Lübecker Gründungsviertel – wie geht es weiter nach der Grabung?

Bei bedeutenden Maßnahmen, wie der Neuentwicklung des Gründungsviertels, werden die Interessen unterschiedlichster Akteure einer Stadt berührt. Um diese unterschiedlichen Interessen frühzeitig einzubinden, sind umfangreiche Beteiligungsverfahren wichtig. Damit wird nicht nur allen Interessierten eine Mitwirkung ermöglicht, sondern auch die Akzeptanz für Großprojekte in der Öffentlichkeit gestärkt.

Um eine ehrliche Beteiligung anstelle einer Öffentlichkeitsinformation durchzuführen, sollten neben berechtigten Vorgaben Fragestellungen formuliert werden. Grundlage für das Verfahren im Gründungsviertel bildete die 2007 durchgeführte Perspektivenwerkstatt für die wichtigsten Straßenräume in Lübeck. Sie steht beispielhaft für eine erfolgreiche ergebnisoffene Öffentlichkeitsbeteiligung der Hansestadt.

Neben einem vorab eingerichteten Expertenkreis aus den wichtigen Interessensgruppen zeigten Impulsvorträge mit unterschiedlichen Grundhaltungen den Bürgern die Spannbreite, in der sich Antworten bewegen können. Anhand konkreter Fragestellungen wurde in Arbeitsgruppen Konsens und Diskussionsbedarf herausgearbeitet. Grundlage und Meinungsspiegel für die weitere Planung.

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Beteiligungs- und Vermittlungsprozesse in Einbeck

Dr. Stefan W. Teuber, Stadtarchäologe Stadt Einbeck

Einleitend sind einige Informationen über die Archäologische Denkmalpflege der Stadt Einbeck unumgänglich. Deren Möglichkeiten der Vermittlung von archäologischen Sachinhalten, besonders aber die aktive Bürgerbeteiligung sind aufgrund der personellen und finanziellen Grenzen gesetzt.

Die "Stadtarchäologie" besteht seit 1994 als halbe Planstelle und ist dem Fachbereich Bauen, Planen, Umwelt, Sachgebiet IV.4D - Bauamt/Bauaufsicht/Untere Denkmalschutzbehörde als Archäologische Denkmalpflege zugeordnet. Weitere Mitarbeiter gibt es nicht, jedoch konnten bis vor wenigen Jahren gelegentlich AB-Maßnahmen eingesetzt werden.

Betreut werden neben der Stadt Einbeck, mit ihrer archäologisch und historisch bedeutsamen Kernstadt, weiterhin 31 angegliederte Dorfgemarkungen, deren Zahl sich nach der Fusion mit Kreiensen zum kommenden Jahreswechsel auf 46 erhöht.

In Zahlen ausgedrückt sind das derzeit 166 km² mit etwa 26.200 Einwohnern, demnächst 231 km² mit 36.000 Einwohnern.

Trotz dieses relativ kleinen Zuständigkeitsbereiches wurden bisher knapp 900 bekannte archäologische Fundstellen betreut, zu denen demnächst noch 160 weitere hinzukommen.

Zu den üblichen Vermittlungen gehören:

  • Führungen (Grabungs- und Stadtführungen),
  • Informationsmaterial (Publikationen, Jahresberichte, Informationsmaterial vor Ort),
  • Vorträge, Tagungen und Pressearbeit.

Eine aktive Beteiligung und Vermittlung erfolgt bzw. wird ermöglicht durch:

  • Berufsorientierungstage für Mädchen und Jungen (ehem. Girlsday),
  • Schulpraktika (2-3 Mal im Jahr für je 2-4 Wochen), vorwiegend werden Funde bearbeitet und gelegentlich eine mehrseitige Publikation erstellt,
  • Wissensvermittlung/Ausbildung studentischer Mitarbeiter (sog. Lehrgrabungsteilnehmer) bei Ausgrabungen,
  • Betreuung und teilweise Anleitung von Ortsheimatpflegern und Einbindung aktiver Mitglieder des Einbecker Geschichtsvereins zum Zweck der Recherche im Archiv und in den Kirchenbüchern (Urkunden, Karten, Namensforschung usw.) für spezielle Fragestellungen des Spätmittelalters und der Neuzeit.

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Stadtarchäologie Aachen - für Verwaltung und Bürger

Monika Maria Krücken, Denkmalpflege und Archäologie, Aachen, Stadtentwicklung und Verkehrsanlagen

Die karolingische Pfalzanlage mit dem Welterbe Aachener Dom als signifikantes Bauwerk ist in vielen Bereichen nur noch durch seine archäologischen Strukturen wahrnehmbar. Diese und weitere archäologische Erkenntnisse in der Aachener Innenstadt zeugen nicht nur von ihrer bedeutenden Vergangenheit, sondern können maßgeblich zur Profilbildung einer Stadt beitragen. Dabei sind die Steuerung von Öffentlichkeitsarbeit, verwaltungsinterner Kommunikation und Networking als wichtige Schlüsselqualifikationen erforderlich. Der Servicegedanke ist als gelungen zu betrachten, wenn nicht nur Bürger und Kollegen erforderliche strukturelle Unterstützung zu archäologischen Maßnahmen erhalten, sondern wenn sie vom Enthusiasmus für "die Stadt unter der Stadt" angesteckt werden.

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Der LVR-Archäologische Park/ LVR-RömerMuseum als außerschulischer Lernort

Dr. Martin Müller, Dienststellenleiter, LVR-Archäologischer Park Xanten/ LVR-RömerMuseum

Kinder und Jugendliche machen einen hohen Anteil der Besucherinnen und Besucher (über 600.000 p.a.) des LVR-Archäologischen Parks/ LVR-RömerMuseums (LVR-APX) aus. Diese Altersgruppe besucht den LVR-APX in erster Linie im Rahmen von Schulveranstaltungen. Aber auch der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die den LVR-APX gemeinsam mit der Familie besuchen, ist sehr groß. Den unterschiedlichen Besuchsgruppen werden differenzierte Angebote gemacht. Zusätzliche Mitmachangebote, die interaktives Handeln verstärken und Teambildungsprozesse befördern, werden zur Zeit entwickelt. Neben den klassischen Fächern, wie Geschichte und Latein, werden auch spezifische Programme für andere Schulfächer (Mathematik, Chemie, Kunst u.m.) gemacht, die den LVR-APX in zunehmendem Maße als außerschulischen Lernort attraktiver machen. Schulpartnerschaften auf lokaler Ebene ermöglichen in besonderer Weise die Nutzung des Museums als Lernort.

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Der Film in der Ausstellung – im besten Fall ein komplementärer Faktor

Dr. Kurt Denzer, CINARCHEA, Kiel

Das Bild archäologischer Arbeit ist im Bewusstsein der deutschen Bevölkerung geprägt von der Darstellung in den größeren Produktionen in deutschen TV-Programmen. Trotz großer Publikumsakzeptanz erfahren diese Filme starke Kritik bei Archäologen und Cineasten. Ein Blick in die Programme internationaler Archäologie-Filmfestivals bietet Alternativen in Form und Präsentation. Alternative Abspielorte sind Museumskinos oder der Einsatz bei Ausstellungen.

Bei Ausstellungen stadtarchäologischer Grabungen sollte Film ein komplementärer Faktor sein: Er ist bestimmt von den Ergebnissen der Grabung und deren sichtbaren Exponaten; durch seine besonderen Gestaltungsmittel wirkt er im Verbund der verschiedenen Informationen zurück und macht neugierig auf erneutes Sehen. Angesichts geringer finanzieller Mittel bietet Film in den kleineren Formen und der Präsentation experimenteller Archäologie eine gute Alternative zum TV.

Ausblick

Oda Scheibelhuber, Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung

Fotos: Nils Bergmann

Stadtführungen auf Einladung der Hansestadt Lübeck

Führung durch die Großgrabung im Gründungsviertel

Zwischen Marienkirche und Trave lag bis zur Zerstörung 1942 das sogenannte "Gründungs- oder Kaufleuteviertel", die Keimzelle der mit Abstand ältesten Stadt an der Ostsee. Das Viertel gilt als Prototyp der modernen abendländischen Gründungsstadt und als beispielgebend für die späteren Stadtgründungen an der Ostsee. Mit Verlagerung und Abriss der hier errichteten Berufsschulen aus den 1950er Jahren werden seit 2009 umfangreiche Grabungen durchgeführt.

Führung durch das Kranenkonvent – Ernestinenschule

Der Kranenkonvent, eines der ältesten Backsteingebäudeensembles Lübecks, wurde 1283 als Beginenkonvent, eine Unterkunft für unverheiratete Frauen oder Witwen, die aus religiösen oder wirtschaftlichen Gründen wie Nonnen leben wollten oder mussten, gebaut. In den Gebäuden sollen eine Mensa und weitere Klassenräume der angrenzenden denkmalgeschützten Ernestinenschule untergebracht werden.

Führung durch die Katharinenkirche

Die Katharinenkirche, eine dreischiffige, gewölbte Backsteinbasilika ohne Turm, wurde in der Zeit von 1300 und 1360 als Bettelordenskirche des ehem. Franziskanerordens erbaut. Sie zählt aufgrund ihrer Architektursprache und ihrer Wandmalerei zu den bedeutendsten mittelalterlichen Großbauten im Ostseeraum und ist Zeugnis für die Entwicklungsgeschichte des Kirchenbaus und ihrer wandfesten Ausstattung.

Führung durch das Burgkloster

Das Burgkloster, ein ehemaliges St. Maria-Magdalenen-Kloster der Dominikaner wurde nach einer Brandzerstörung 1276 errichtet. Von der ehemaligen Klosteranlage sind nach Einsturz der Klosterkirche 1817 der Kreuzgang, Sakristei, Refektorien, der Kapitelsaal, Keller, Hospital und Beichthaus erhalten. Neben diversen Bauunterhaltungsmaßnahmen steht die Sicherung und Restaurierung der Wand- und Gewölbemalerei im Vordergrund der Maßnahmen aus dem Welterbeprogramm.

Stadtführung

Mit 12.000 Altstadtbewohnern ist Lübeck ein lebendiges Welterbe. Der Rundgang auf dem noch heute ablesbaren historischen Straßennetz verlief im Spannungsfeld zwischen den seit dem Mittelalter prägenden Monumentalbauten des Holstentores, der Salzspeicher, des Rathauses und der Kirchen und den auf heutige Bedürfnisse zugeschnittenen großflächigen Bauten der vergangenen Jahrzehnte.

Download der Publikation "Stadtarchäologie und Stadtentwicklung im Welterbe".

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