Auftakt Welterbe
Am 17. September 2009 fand in Berlin im Alten Museum die Auftaktveranstaltung zum Investitionsprogramm nationale UNESCO-Welterbestätten statt. An der Veranstaltung haben rund 100 Vertreter aus den Welterbestätten und Experten aus den Bereichen Stadtentwicklung und Denkmalpflege teilgenommen. Die Veranstaltung war Auftakt zu einem Erfahrungsaustausch zwischen den Welterbestätten.
Das 1830 eröffnete Alte Museum von Karl Friedrich Schinkel bildet die Keimzelle der Berliner Museumsinsel. Bis 1930 wurden vier weitere Museumsbauten errichtet, die über 6.000 Jahre Menschheitsgeschichte widerspiegeln. Die Museumsinsel, ein einzigartiges Ensemble von Museumsbauten, wurde 1999 von der UNESCO in die Welterbeliste aufgenommen. Norbert Zimmermann, Vizepräsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz betonte in seiner Begrüßungsrede die Bedeutung des UNESCO-Status: "Die Aufnahme der Museumsinsel in die Liste der Welterbestätten ist späte Anerkennung des jungen republikanischen Preußen, das trotz der Wirren nach dem Ersten Weltkrieg die Fertigstellung des Pergamon-Museums beschlossen hatte und sich zur Verantwortung für die in den Museen gehüteten Kulturschätze bekannte. Der UNESCO-Status ist zugleich Verpflichtung der heute Verantwortlichen gegenüber dem historischen Erbe."
Am Beispiel der Museen spiegelt sich die Vergänglichkeit und Zerstörung der Kultur- und Naturgüter wieder: Im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, wurden zahlreiche Schätze unwiederbringlich vernichtet. Um den Verfall des historischen Erbes zu vermeiden, hat es sich die UNESCO zur Aufgabe gemacht, die Kultur- und Naturgüter der Menschheit, die einen außergewöhnlich universellen Wert besitzen, zu erhalten. Dies sind weltweit 890 Stätten, 33 davon in Deutschland. Auch Bundesminister Wolfgang Tiefensee betonte in seiner Rede die Wichtigkeit des Erhalts des historischen und kulturellen Erbes: "Zerstörung jedweder Art muss verhindert werden. Es ist das Mindeste, dass man für das, was uns die Vorväter übergeben haben, die Verantwortung misst, die auf den Schulten liegt, und ihr versucht zu entsprechen." Teil dieser Verantwortung sei das Investitionsprogramm nationale UNESCO-Welterbestätten, das ein Bekenntnis zum historischen Erbe auf nationaler Ebene sei, wie Bundesminister Wolfgang Tiefensee verdeutlichte: "Es kommt darauf an, dass wir uns der Verpflichtung bewusst sind und sowohl der Nation, der Öffentlichkeit in unserem Lande als auch den Institutionen und der Öffentlichkeit auf internationalem Parkett deutlich machen: Deutschland steht zu seinen Welterbestätten!"
Seit der Verabschiedung des Übereinkommens zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt von 1972 sind der Konvention über 180 Staaten beigetreten. Sie haben sich dazu verpflichtet, nicht nur das von der UNESCO ausgewiesene Welterbe, sondern das gesamte historische Erbe in ihrem Bereich zu erhalten. In seinem Vortrag über "Welterbe und Stadtentwicklung" erläuterte Michael Petzet, Präsident des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS, die historische Entwicklung und das Zusammenwirken von Denkmalschutz, der Stadtentwicklung und UNESCO-Welterbe sowie die Herausforderungen für die gewachsene, historische Stadt. Er beschrieb die Entwicklung der Denkmalpflege, beginnend mit Max Dvoraks "Katechismus der Denkmalpflege" (1916), der bereits die Ensembledenkmalpflege definiert, über Le Corbusiers Charta von Athen (1933) mit dem Ideal der Funktionstrennung bis hin zur Charta von Venedig (1964), die den Erhalt von Flächendenkmälern fordert und dem Europäischen Jahr des Denkmalschutzes (1975), das eine neue Ära für den Schutz historischer Altstädte einleitet. In der Abkehr von den Prinzipien der Kahlschlagsanierung und der Hinwendung zu einer behutsamen Stadterneuerung zeige sich der kontinuierliche Bedeutungsgewinn von Denkmalschutz und Stadterhaltung.
Mit dem Förderprogramm Städtebaulicher Denkmalschutz der Bundesregierung, das 1991 in den neuen Ländern aufgelegt wurde und dessen Ziel der Erhalt historischer Städte ist, wurde für den Denkmalschutz ein weiterer wichtiger Meilenstein gesetzt. Auch Peter Runkel, Abteilungsleiter im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung betonte in seinem Statement, dass Denkmalschutz und Stadtentwicklung zusammengehören. Das zeige sich auch daran, dass das Programm Städtebaulicher Denkmalschutz 2008 auch auf die alten Bundesländer übertragen wurde. Mit dem Investitionsprogramm nationale UNESCO-Welterbestätten, das auch internationale Aufmerksamkeit erhalte, gewönnen Stadterhaltung und Denkmalschutz erneut an Bedeutung.
An der Podiumsdiskussion "Herausforderungen der Stadtentwicklung in Welterbestätten mit historischen Altstadtkernen", die von Arnold Bartetzky moderiert wurde, nahmen Karin Dengler-Schreiber, Leiterin des Zentrum Welterbe Bamberg, Matthias Ripp, Welterbekoordinator Regensburg, Ursel Grigutsch, Leiterin des Stadtentwicklungsamtes Weimar, und Birgitta Ringbeck, Beauftragte der Kultusministerkonferenz für das UNESCO-Welterbe, teil. Die Diskutanten waren sich einig, dass die Altstadtkerne eine besondere Gruppe von UNESCO-Welterbestätten seien, da sie nicht nur einzelne Monumente, sondern Flächendenkmäler darstellen, die dauerhaft in vielfältigem "Gebrauch" sind und sich ständig wandelnden Nutzungsanforderungen anpassen müssen. Für die Städte sei der Erhalt der baulichen, demographischen und sozialen Struktur von hoher Bedeutung, um die Identität zu bewahren und einen Musealisierungsprozess zu vermeiden.
Die Vertreter der Welterbestätten berichteten in der Diskussionsrunde, dass der Welterbestatus in ihren Städten sehr präsent sei und eine enorme Bedeutung für die Bevölkerung und weitere Bereiche habe, zum Beispiel für den Tourismus, die Universitäten oder die Wirtschaftsförderung. Die Welterbestätten stehen aber auch vor verschiedenen Herausforderungen, beispielsweise Tendenzen der Gentrifizierung, Veränderungen bei der Bevölkerungsstruktur oder teils auch verklärenden Vergangenheitsassoziationen. Um eine integrierte Stadtentwicklungspolitik zu sichern und das Welterbe nicht zu beeinträchtigen, sollen Bürger bei Planungsprozessen beteiligt und geeignete Instrumente entwickelt werden, die eine abgestimmte Städtebaupolitik fördern. Ein Beispiel dafür biete das Regensburger Steuerungskomitee, ein Pilotprojekt zur Abstimmung der baulichen Entwicklung im UNESCO Welterbe Regensburger Altstadt.
Birgitta Ringbeck berichtete, dass momentan von der UNESCO an einer Empfehlung mit dem Titel "Standards setzendes Instrument zur Erhaltung der historischen Stadtlandschaft" gearbeitet werde. Darin sollen die Probleme des wachsenden Urbanisierungsdruckes, die Auswirkungen von Globalisierung, der nachhaltige Tourismus sowie Umweltschäden und Klimawandel behandelt werden. Sie betonte, dass über die historische Altstadt keine Käseglocke gelegt werden dürfe und es auch dort Entwicklungen geben müsse. Zur Authentizität historischer Altstädte gehöre nicht nur der Erhalt der Substanz, sondern auch die alltägliche Nutzung.
Im Anschluss an die Veranstaltung im Alten Museum wurde für die Teilnehmer unter Leitung von Klaus von Krosigk (Landesdenkmalamt Berlin) eine Exkursion in die Hufeisensiedlung und die Schillerparksiedlung angeboten. Die Hufeisensiedlung entstand ab 1925 auf den Flächen des ehemaligen Rittergutes Britz nach einem Entwurf von Bruno Taut. Charakteristisch ist die namensgebende hufeisenförmige Häuserzeile im Zentrum der Siedlung. Die Siedlung Schillerpark ist Bruno Tauts erstes großstädtisches Wohnprojekt im Berlin der Weimarer Republik. Städtebaulich nimmt die Siedlung Bezug auf die moderne Architektur Hollands. Beide Siedlungen sind Teil des UNESCO-Welterbes "Berliner Siedlungen der Moderne". Im Rahmen der Exkursion wurden aktuelle Maßnahmen vorgestellt, die in den beiden Siedlungen im Rahmen des Investitionsprogramms nationale UNESCO-Welterbestätten gegenwärtig und in den nächsten Jahren umgesetzt werden.
Der Welterbe-Status wurde von den Teilnehmern als "süße und zugleich schwere Last" sowie als "Verpflichtung" beschrieben. Zur Unterstützung der Welterbestätten und zur Vernetzung zwischen den Akteuren wurde das Investitionsprogramm nationale UNESCO-Welterbestätten auf den Weg gebracht. Die Veranstaltung war Auftakt für einen intensiven Erfahrungsaustausch zwischen Denkmalschutz, Welterbe und Stadtentwicklung, der von allen Teilnehmern sehr begrüßt wurde.
Bericht: Marcus Gwechenberger

