Interview Herr Ripp
Sehr geehrter Herr Ripp, der Titel der Veranstaltung "Das Erbe der Stadt – Europas Zukunft; neue Chancen der integrierten Stadtentwicklung" verspricht ja den Bogen von der Vergangenheit zu künftigen Chancen der Stadtentwicklung zu schlagen. Können Sie mir erklären, wie das kulturelle Erbe und künftige Chancen der Stadtentwicklung zusammenhängen?
Die europäischen Städte bilden dasRückgrat der Europäischen Union. Eine Vielzahl neuer Herausforderungen müssen derzeit von den Städten bewältigt werden. Ich denke an demographische Veränderungen, an den Klimawandel oder an dieIntegration neuer Technologien. Die Identifikation bei den Bürgern Europas findet dabei vor allem über das baukulturelle, das städtische Erbe statt. Dieses Erbe kann als Potential für eine integrierte Stadtentwicklung eine sehr positive Wirkung entfalten. Voraussetzung ist allerdings, dass es von den lokalen Akteuren nicht als Ballast, sondern als Chance begriffen wird.
Wie kann dieses Potential genutzt werden?
Zunächst einmal istdas baukulturelle Erbe in keiner (historischen) Stadt gleich. Doch für alle bietet es sich an, zunächst mit Hilfe eines integrierten Ansatzes möglichst viele Beteiligte ins Boot zu holen. Ein Instrument, das hier gut funktioniert ist z.B. ein integrierter Kulturerbemanagementplan, wie wir ihn im EU-Projekt HerO (Heritage as Opportunity) entwickelt haben. Bei dieser strukturierten Methode werden mit den Beteiligten auf Basisvorhandener Konzepte ein Leitbild, Ziele und konkrete Maßnahmen entwickelt. Im Mittelpunkt stehen dabei derSchutz und die Weiterentwicklung des kulturellen Erbes. Die so entwickelten und gut abgestimmten Maßnahmen können dann auch mit Hilfe von Fördermitteln umgesetzt werden. Der Erfolg dieses Prozesses hängt entscheidend vom Zugang zu entsprechenden nationalen oder europäischen Fördermitteln und von den Bürgern ab.
Welche Rolle spielt Europa bei diesen Bemühungen?
Zum einen werden übergreifende Städtenetzwerke immer wichtiger. Denn Städte müssen voneinander lernen können, um sich gemeinsam in politischen Prozessen wie Gesetzgebungsverfahren oder bei der Gestaltung von Förderprogrammen einbringen zu können. Zum anderen gibt es in der aktuellen Förderperiode bis 2013 in vielen Regionen Zugang zu Fördermitteln aus dem europäischen Fond fürRegionale Entwicklung oder dem europäischen Sozialfond. Diese konnten speziell für städtische Projekte eingesetzt werden.
Wie sind die Aussichten, dass auch künftig Europäische Fördermittel für diese Ziele bereitstehen?
Das ist sehr schwer vorauszusagen. Derzeit findet auf europäischer Ebene die Diskussion umdie Zukunft des Kohäsionsfonds statt. Wir als Vertreter der (historischen) Städte kämpfen natürlich dafür, dass auch ab2014 europäische Fördermittel für städtische Projekte und dabei insbesondere für solche mit baukulturellem Zusammenhang verwendet werden können.
Inwiefern helfen die Erfahrungen aus den Welterbestätten auch anderen Städten?
In UNESCO-Welterbestätten sind viele Problemlagen, die auch in anderen historischen Städten vorhanden sind, besonders verdichtet. Daher lassen sich Strategien, die in Welterbestätten funktionieren, gut auf andere Städte übertragen. Wir UNESCO-Welterbestätte verstehen uns nicht als elitären Zirkel. Vielmehr stehen wir in regem Austausch mit vielen historischen Städten und freuen uns, wenn wirdie Popularitätdes Welterbetitels auch zu Gunsten aller historischer Städte einsetzen können.
Was ist das Ziel der Veranstaltung in Berlin?
Ziel des Kongresses "Das Erbe der Stadt – Europas Zukunft; neue Chancen der integrierten Stadtentwicklung" ist vor allem, eine Bewusstseinsstärkung bei den Verantwortlichen auszulösen. Es sollte deutlichwerden, welch große Chancen in der Entwicklung des baulichen Erbes in Städten liegen, und wiewichtig hierfür der Zugang zu entsprechenden Fördermitteln ist. Hier sind alle gefragt, auch die Politik.
Wie wird es nach der Konferenz weiter gehen?
Ich könnte mir vorstellen, dass nach der Konferenz in einer kleinen Arbeitsgruppe eine konkrete nationale Welterbestrategie ausgearbeitet wird. Es gibt auch auf nationaler Ebene eine Reihe von Herausforderungen. Die dauerhafte finanzielle Förderung von städtischem kulturellem Erbe ist nur eine davon.

