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Digitales Kulturerbe

Stille Zeugen unter Wasser: Wie 3D-Technologie die versunkenen Städte der Adria vor dem Vergessen bewahrt

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Stille Zeugen unter Wasser: Wie 3D-Technologie die versunkenen Städte der Adria vor dem Vergessen bewahrt

Die Adria ist kein gewöhnliches Meer. Zwischen den Küsten Italiens, Kroatiens, Sloweniens und Albaniens verbirgt sich unter ihrer Oberfläche ein außergewöhnliches archäologisches Erbe: Hafenstädte aus der Römerzeit, griechische Siedlungen, mittelalterliche Strukturen und vorantike Kultplätze, die im Laufe der Jahrtausende durch Meeresspiegelanstieg, Erdrutsche und tektonische Verschiebungen versunken sind. Was einst belebte Zentren des Mittelmeerhandels waren, ist heute kaum mehr als ein Schatten unter Sedimentschichten – doch dank moderner Digitaltechnologien beginnt dieses Erbe wieder an die Oberfläche zu treten.

Warum die Adria ein besonderes archäologisches Archiv ist

Die geologische Geschichte der Adria macht sie zu einem einzigartigen Schauplatz für Unterwasserarchäologie. Während des letzten glazialen Maximums, vor etwa 20.000 Jahren, lag der Meeresspiegel rund 120 Meter tiefer als heute. Küstenlinien, die einst bewohnt waren, versanken mit dem Anstieg der Wasserstände. Besonders betroffen ist die nördliche Adria, deren flacher Schelf über Jahrtausende hinweg Siedlungen, Handelsrouten und Kultanlagen beherbergte, bevor das Meer sie überflutete.

Ein prominentes Beispiel ist die antike Stadt Salona – heute ein Vorort von Split in Kroatien –, deren Hafenstrukturen sich teilweise unter dem Meeresspiegel befinden. Ähnliches gilt für Teile der römischen Lagunenstadt Aquileia im heutigen Nordostitalien, wo Hafenanlagen und Lagerhäuser im Laufe der Spätantike versanken. Diese Stätten stehen nicht nur vor der Bedrohung durch natürliche Erosion, sondern auch durch Schleppnetzfischerei, Ankerwürfe und den zunehmenden Schiffsverkehr in der Region.

Digitale Werkzeuge tauchen ab: Von Sonar bis Photogrammetrie

Die Dokumentation von Unterwasserstätten stellt Archäologen vor erhebliche Herausforderungen. Sichtweite, Strömungen, Druckverhältnisse und begrenzte Tauchzeiten schränken klassische Feldarbeit stark ein. Hier setzt die digitale Archäologie an. Drei Technologien stehen dabei im Mittelpunkt internationaler Projekte entlang der Adria:

Multibeam-Echolot und Side-Scan-Sonar ermöglichen es, großflächige Meeresbodenstrukturen mit hoher Auflösung zu kartieren. Untersuchungen vor der istrischen Küste haben auf diese Weise regelmäßige Mauerverläufe und Straßenraster sichtbar gemacht, die auf versunkene Siedlungen hinweisen.

Photogrammetrie und Structure-from-Motion (SfM) erlauben es Tauchern und ferngesteuerten Unterwasserfahrzeugen (ROVs), durch systematische Bildserien dreidimensionale Modelle von Fundstätten zu erstellen. Das Ergebnis sind hochpräzise 3D-Modelle, die nicht nur wissenschaftlich ausgewertet, sondern auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können.

LiDAR-Scanning und Magnetometrie ergänzen das Bild in Küstenbereichen, wo Sedimentschichten antike Strukturen verbergen. In Kombination mit Unterwasserkartierung erlauben diese Methoden eine dreidimensionale Rekonstruktion von Fundstätten, ohne dass ein einziger Spatenstich notwendig wäre.

Internationale Kooperation als Grundvoraussetzung

Das Adriatische Meer ist ein geteilter Raum – politisch, kulturell und wissenschaftlich. Die Bewahrung seines versunkenen Erbes kann daher nicht im nationalen Alleingang gelingen. Mehrere transnationale Forschungsinitiativen haben dies erkannt und setzen auf grenzüberschreitende Zusammenarbeit.

Das Projekt ADRIARCH, gefördert durch das Interreg-Programm der Europäischen Union, verbindet Universitäten und Kulturinstitutionen aus Italien, Kroatien und Slowenien. Ziel ist die Erstellung eines gemeinsamen digitalen Atlas der Unterwasser-Kulturstätten der nördlichen Adria. Neben der wissenschaftlichen Dokumentation soll dieser Atlas auch für Bildungszwecke und den Kulturtourismus nutzbar gemacht werden.

Parallel dazu arbeitet das Istituto Superiore per la Conservazione ed il Restauro in Rom gemeinsam mit dem kroatischen Ministerium für Kultur an Protokollen zur digitalen Langzeitarchivierung von Unterwasserfunden. Dabei geht es nicht nur um die Sicherung von Bilddaten, sondern auch um Metadatenstandards, die eine internationale Nachnutzung und wissenschaftliche Vergleichbarkeit gewährleisten.

Deutsche Institutionen sind ebenfalls beteiligt: Das Deutsche Archäologische Institut (DAI) unterstützt methodisch mehrere adriatische Unterwasserprojekte und trägt zur Entwicklung von Open-Source-Software für die 3D-Modellierung archäologischer Fundstätten bei. Für ein deutsches Publikum ist dies ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie deutsche Wissenschaftseinrichtungen zum Schutz des globalen Kulturerbes beitragen – weit über die eigenen Landesgrenzen hinaus.

Digitale Zwillinge für die Nachwelt

Ein zentrales Konzept moderner Unterwasserarchäologie ist der sogenannte digitale Zwilling: eine vollständige, dreidimensionale Reproduktion einer Fundstätte, die unabhängig vom physischen Erhaltungszustand des Originals existiert. Während ein antikes Mauerwerk durch Algen, Strömungen oder menschliche Eingriffe weiter verfällt, bleibt sein digitales Abbild stabil und zugänglich.

Solche digitalen Zwillinge wurden bereits für die versunkenen Hafenanlagen bei Poreč (Kroatien) und für Teile der antiken Küstenstraße bei Siponto (Apulien, Italien) erstellt. Sie werden in international zugänglichen Repositorien gespeichert und können von Forschern weltweit genutzt werden – ein Paradigmenwechsel in der Frage, wem archäologisches Wissen gehört und wie es geteilt wird.

Darüber hinaus eröffnen diese Modelle neue Möglichkeiten der Vermittlung: Über Virtual-Reality-Anwendungen können Schülerinnen und Schüler in Deutschland, Österreich oder der Schweiz eine antike adriatische Hafenstadt virtuell erkunden, ohne je in die Adria zu tauchen. Kulturerbe wird dadurch nicht nur bewahrt, sondern lebendig gemacht.

Bedrohungen, die nicht warten

Die Dringlichkeit dieser Arbeit lässt sich kaum überschätzen. Der Klimawandel beschleunigt den Meeresspiegelanstieg und erhöht die Intensität von Sturmereignissen, die Sedimentschichten verschieben und Fundstätten freilegen oder zerstören. Gleichzeitig nimmt der Unterwassertourismus in der Adria zu – ein zweischneidiges Schwert, das einerseits Bewusstsein schafft, andererseits fragile Strukturen gefährdet.

Fachleute warnen, dass ohne systematische digitale Erfassung in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten bedeutende Teile des adriatischen Unterwassererbes unwiederbringlich verloren gehen könnten. Die Technologie ist vorhanden. Was fehlt, sind ausreichende Förderstrukturen, politischer Wille und eine breitere gesellschaftliche Anerkennung des Wertes, der unter der Meeresoberfläche schlummert.

Wissen bewahren, bevor es versinkt

Die versunkenen Städte der Adria sind keine Kuriosität für Tauchenthusiasten. Sie sind ein integraler Bestandteil des gemeinsamen europäischen Erbes – Zeugnisse von Handelsbeziehungen, Migrationen und kulturellen Verflechtungen, die die heutige europäische Identität mitgeprägt haben. Ihre digitale Rettung ist kein Luxus, sondern eine wissenschaftliche und kulturelle Notwendigkeit.

Das Welterbeprogramm verfolgt diese Entwicklungen mit großem Interesse, denn sie verkörpern genau jene Verbindung zwischen technologischer Innovation und humanistischer Verantwortung, die unser Verständnis von Kulturerbe im 21. Jahrhundert prägen sollte: Wissen bewahren, Erbe verstehen, Zukunft gestalten – auch wenn dieses Erbe unter Wasser liegt.

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